USA

Mit Captain Jack im „Wilden Westen“

Das erste was auffällt, als wir uns L.A., der riesigen Metropole an der Westküste der U.S.A. auf dem Luftweg nähern, ist eine schmierig gelbe Smogwolke, die wie eine Glocke über der ganzen Stadt hängt. Im gesamten Verlauf der Reise hatte man uns vor diesem Ort gewarnt und geraten, besondere Vorsicht walten zu lassen, weshalb wir ohnehin recht kritisch in diese wieder einmal so komplett andersartige Welt eintauchen. Noch immer zu dritt am Reisen, beziehen wir im Stadtteil Inglewood in der Nähe des Flughafens ein Zimmer in einem günstigen Backpackermotel, in dem neben einigen äußerst kuriosen Gestalten zum Glück auch ganz normale Rucksackreisende vorzufinden sind. Die Zeit nach der Ankunft vertreiben wir uns zunächst einmal mit Billardspielen am moteleigenen Pool, bevor wir zu einem Erkundungsspaziergang aufbrechen. Doch unsere Unterkunft auf dem Century Boulevard befindet sich in schlechter Nachbarschaft und zudem beginnt die Nacht gerade hereinzubrechen, so daß wir es nicht lange wagen, in den scheinbar endlosen Straßen umherzustreifen. Also sind wir schnell zurück im Motel, wo wir bald in unsere Betten fallen.

 

 

easy living am Venice Beach

 

 

Craigs's Chevy - Kaum zu glauben aber wahr: in besserem Zustand als Joel's Mobil!

 

Zwei Tage bleiben wir in der Stadt, die mit vierzehn Millionen Einwohnern und einem Durchmesser von rund achtzig Kilometern vor allem durch die Film- und Fernsehproduktionen in und um Hollywood bekannt ist. Wir allerdings verzichten darauf, das touristische Standardprogramm wie beispielsweise den Besuch der Warner Brother Filmstudios oder Disney- lands zu unternehmen, denn der Kulturschock sitzt uns auch so schon in den Gliedern. Wir begnügen uns damit, beim Flanieren an der Strandpromenade von Venice Beach die ausgeflippten Ein-Mann-Shows der Stadtfreaks zu bestaunen. So finden wir den Lifestyle, der uns sowohl am Muscle Beach, einem Freiluft Body Building Center, als auch von Motorsägenjongleuren demonstriert wird, durchaus sehr amüsant. Doch haben wir nicht selten das Gefühl, mit der Ankunft in Kalifornien inmitten der Aufnahmen zu einer amerikanischen Serienproduktion geraten zu sein. Ein Polizeieinsatz, den wir eines Abends vom Fenster unseres Motelzimmers aus beobachten, paßt sich diesem Eindruck nahtlos an. Der Hubschrauber, der fast die halbe Nacht hindurch eine Straßenkreuzung ganz in unserer Nähe ausleuchtet, und die unzähligen Streifenwagen, die mit Sirenengeheul im ganzen Block umherrasen, beweisen uns zudem, daß L.A. ein Moloch der Kriminalität ist.

Die interessanteste Bekanntschaft dieser Tage machen wir, als wir wieder einmal auf der Suche nach einem günstigen fahrbaren Untersatz die vielen Autovermietungen auf dem Century Boulevard abklappern. Frustriert von den recht hohen Preisen sind wir schon fast am Resignieren, als wir mit einem gepflegt aussehenden Mann, der zwar leicht angetrunken, aber bestens gelaunt ist, auf der Straße ins Gespräch kommen. Spontan fragen wir ihn, ob er eine Möglichkeit kenne, günstig an ein Auto zu gelangen, was er sofort bejaht. Nur wenige Minuten später stehen wir auf einem Motelparkplatz neben einem mindestens zwanzig Jahre alten Honda, den uns Craig, wie sich uns der Amerikaner vorstellt, für die folgenden vier Wochen preiswert zu mieten anbietet. Während wir uns das Auto näher ansehen, fällt uns auf, daß das gesamte Heck im Innern mit Hilfe einer einfachen Matraze als notdürftige Schlafstätte hergerichtet ist. Desweiteren ist sowohl das Kofferraumschloß, als auch das Zündschloß defekt, weshalb es nur mit Hilfe eines Schraubenziehers zu starten ist. Unseren fragenden Blicken antwortet Craig ganz offen und ehrlich, indem er uns erklärt, dies sei sein Auto, in welchem er lebe und schlafe, denn er sei ein Zocker, der schon sein gesamtes Leben von Stadt zu Stadt und von einem Casino zum nächsten ziehe. Ebenso benötige er derzeit dringend Geld, was auch der Grund für sein Mietangebot sei. Wir finden diesen Menschen zwar allesamt äußerst sympathisch, doch wir sind verständlicherweise skeptisch und in dieser Situation zu keiner Entscheidung fähig. Also lassen wir uns eine Telefonnummer geben, unter der er erreichbar sei und teilen ihm die Adresse unseres Motels mit, das er offensichtlich auch gut zu kennen scheint. Dann gehen wir auseinander und durchdenken dieses seltsame Angebot.
Am Abend des nächsten Tages treffen wir Craig an der Poolbar unseres Motels wieder. Als wir ihm unseren Entschluß mitteilen, das Auto, da es nicht abschließbar ist, nicht zu nehmen, bietet er uns zu unserer Verblüffung sofort seinen zweiten Wagen an. Dieser sei ein ebenso alter Chevrolet, der auch zu verschließen sei. Er habe zwar einige technische Mängel, sei aber durchaus fahrtauglich. Also fahren wir mit ihm zu dem Wohnsitz seines Vaters, einem Wohnwagen in einem düsteren Viertel der Stadt und brechen von dort zu einer Probefahrt mit besagtem Auto auf. Nach einigen Kilometern Fahrt auf den Stadthighways, während der uns der mindestens so verrückte wie liebenswerte Mensch stets mit den Worten „don´t race this car“ dazu auffordert, das Auto sanft anzufahren, da ansonsten die Achsenübersetzung durchschleife, sind wir uns einig. Frei nach der Philosophie „der Wagen ist zwar fast schrottreif, doch immerhin noch in einem besseren Zustand als der Letztere“ machen wir den außergewöhnlichen Deal.
Die erste längere Strecke ins Spielerparadies Las Vegas im U.S. Bundesstaat Nevada übersteht die Karre, wenn man von gelegentlichen Aussetzern bei der Spritzufuhr einmal absieht, dann glücklicherweise auch anstandslos.

Im inneren eine kleine Stadt für sich: Hotelcasino und Märchenschloß Excalibur

 

Eigentlich beabsichtigen wir, uns hier erstmals seit langem den Luxus eines Hotelzimmers zu gönnen, doch leider sind die ansonsten in der Regel sehr günstigen Hotels aufgrund mehrerer gleichzeitig stattfindender Mammutkonferenzen alle ausgebucht. Und das bei ein paar hunderttausend Zimmern, die die Millionenstadt mitten in der Wüste zu bieten hat. Also müssen wir erst einmal einige Zeit nach einer Bleibe suchen, kommen währenddessen aus dem Staunen allerdings nicht mehr heraus. Zu beiden Seiten des Las Vegas Boulevards, der mehrspurigen Hauptstraße der Stadt, ziehen die irrealen Kulissen der überdimensionalen Hotelcasinos, die sich mit den ausgefallendsten Namen schmücken, an uns vorrüber. Da befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Excalibur, das im Stile eines Märchenschlosses erbaut ist, das Luxor, eine riesige Pyramide, vor der eine nahezu maßstabgetreue Sphinx trohnt. Nicht weit davon entfernt sehen wir die nachgebaute Skyline von Manhatten, um die sich eine Achterbahn schlingt. Auf diese Weise präsentiert sich das New York, New York und genauso phantasievoll geht es noch einige Kilometer weiter, bis wir schließlich in einer Seitenstraße in einem leicht überteuerten Motelzimmer einchecken.

Es ist schon spät, als wir von dort zu Fuß in Richtung Zentrum aufbrechen. Noch in der Motelanlage, die für sich alleine schon fast die Größe eines kleinen Dorfes hat, haben wir ein weiteres recht ungewöhnliches Erlebnis. Dieses beginnt damit, daß zwei Frauen, die ebenso wie alles andere an diesem Ort überdimensional proportioniert sind, in der offenen Tür ihres Zimmers stehend auf sich aufmerksam machen. Wir lassen uns von ihnen auf ein paar Tequilas einladen, doch die gerade entstehende Party endet so schnell wie sie begonnen hat, denn die Zwei sind auf dem Weg zu einer Stripteasebar, ihrer Arbeitsstätte!? Den weiteren Abend durchstreifen wir das skurrile Innenleben der Hotelkasinos. Inmitten eines von unzähligen Spielautomaten ausgehenden Blinklichtgewitters, das zudem von einer futuristischen Geräuschkulisse untermalt wird, lassen wir uns wie berauscht treiben in dieser auf Hochglanz basierenden Glitzerwelt. Doch schon bald sind wir all der Illusionen müde und versinken wieder zurück im Motel in unsere eigenen Träume.

 

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